Normalerweise gibt es bei mir eher selten einen Gastbeitrag. Bei diesem Test ist es jedoch der Fall. Ein Arbeitskollege war auf der Suche nach einem neuen Smartphone. Microsoft war so nett ein Lumia 640 für den Test zur Verfügung zu stellen. Was am Ende daraus wurde? Lest Ihr in diesem Review.

Zur Person

Die Testperson ist Baujahr 1958, verheiratet und weitgehend männlich. Von Beruf Systemadministrator mit deutlicher Linuxaffinität. Zwei Söhne von 17 und 21 haben mir eine gewisse Aversion gegen unausgesetzt auf einem Touchscreen herumtrommelnde Mitmenschen vermittelt, weswegen ich mich eher als kreuzkonservativen Handynutzer einschätze.

Meine Handy-Erfahrungen sind eher historischer Natur: Ich kenne Windows CE- und (ältere) Android-Mobiltelefone.

Ich lege Wert auf folgende Anwendungen:

  • Telefonieren
  • SMS
  • E-Mail
  • What’s App (wegen den besagten Söhnen)
  • Spider Solitär (Für Arztwartezimmer und dergl.)

Erster Eindruck

Die orange Farbe erzeugt spontanen Augenkrebs aber mir wurde erklärt, dass auch andere Farben lieferbar sind. Der Touchscreen fühlt sich weitaus wertiger an als der Rest des Gerätes aus Billigplastik à la Bobby-Car.

Die Inbetriebnahme ließ sich nach dem „Bestanzen“ der Simkarte sehr einfach bewerkstelligen. Der vorhandene Microsoft-Account nebst Onedrive und Office 365 Abo war in wenigen Minuten eingerichtet und das Handy damit benutzbar. Wer noch keinen Microsoft Account hat, sollte sich lieber vorher einen solchen beschaffen, sonst könnte die Inbetriebnahme umständlich werden. Das Windows Phone überhaupt ohne Microsoft-Account zu nutzen, macht wahrscheinlich wenig Freude.

Hardware

Der Touchscreen lässt sich mit etwas Übung recht gut bedienen, Schaltflächen am rechten Rand sind mitunter etwas schwer zu treffen, was aber ein individuelles Problem sein könnte. Die Kamera, nun ja, die Kamera ist vorhanden und gemessen an meinen früheren Handys macht sie auch ordentliche Bilder – zum Fotografieren bleibe ich lieber bei der DSLR. Allerdings gebe ich natürlich zu, dass es sehr elegant und einfach ist, ein Bild mit WhatsApp zu versenden. Die Frontkamera, für die es ein eigenes App namens „Lumia Selfie“ gibt, überlasse ich schmunzelnd den Teenies.

Der Empfang mit LTE hat natürlich was, die Übertragungsgeschwindigkeit im Gegensatz zu vorher viel besser. Die Sprachqualität ist gut. Die wenigen Tasten (Laut/Leise und Standby) sind gut auch mit einer Hand bedienbar.

Versionen

Das getestete Gerät war ein Lumia 640 LTE, zum Zeitpunkt des Tests (Juni 2015) zwar bei Microsoft zu bestellen aber noch nicht bei den bekannten Elektronikketten angekommen.

Es gibt auch eine DS-Variante (Dual-Sim), die allerdings dafür nicht den 4G Standard nutzen kann.

Schließlich stellte sich heraus, dass die eigentlich spannendste Version, nämlich mit Dual-Sim UND LTE, uns Deutschen vorenthalten wird. Dafür findet man sie auf den Französischen Seiten von Amazon und bei Microsoft Frankreich. Über die Gründe darf gern spekuliert werden.

Ohne einem Fazit vorgreifen zu wollen: Ich habe noch während des Tests meine verbliebenen Französischkenntnisse zusammengekratzt und die LTE-DS-Version bei Microsoft Frankreich bestellt. Die Lieferung war in weniger als 24 Stunden bei mir.

 

Lumia 640 Display

 

Betriebssystem

Wer Windows kennt, insbesondere Windows 8, wird sich sofort zuhause fühlen. Das ganze „Look and Feel“ ist einfach und intuitiv zu bedienen. Einfacher jedenfalls als Android, was an vielen Stellen einfach nicht in dieser Weise aus einem Guss ist.

Einstellungen

Die Einstellungen sind leicht zu erreichen und recht übersichtlich aufgebaut. Die Benutzung von WLAN ist einfach und intuitiv, die Übertragungsgeschwindigkeit auch bei schwachem Signal hat mich sehr angenehm überrascht.

Store

Ich habe mich nicht durch die Myriaden von mehr oder minder sinnvollen Apps gewunden. Die Installation von WhatsApp und der Microsoft Solitaire Suite ging jedoch sehr schnell und einfach. Um immerhin noch die Suchfunktion auszuprobieren habe ich mir einen SSH-Client herausgesucht, mit dem sich tatsächlich ganz gut arbeiten lässt. Auf Empfehlung kam noch Teamviewer hinzu – ebenso einfach.

Integration

Von Android ist man nicht wirklich verwöhnt, was die Integration von Office-Produkten, Email und Kalender anbelangt. Ich war überaus angenehm überrascht, als nach einigen Minuten bereits alle Kontakte (sogar mit Bildern), Termine und vor allem alle in vielen Ordnern gespeicherten Emails seines IMAP-Postfaches verfügbar waren.

Mehr dazu in dem Kapitel über Microsoft Office.

 

Lumia 640 Akku

 

Apps

Sehr viele Apps brauche ich einfach nicht. Was mich interessiert, habe ich auch sehr schnell gefunden. Ich weiß, dass viele mit der Angebotsvielfalt unzufrieden sind, das kann ich nicht nachvollziehen. Das Beispiel, welches mich immer wieder schmunzeln macht: Wer braucht einen Menstruationskalender für bis zu sieben Frauen?

Cortana

Auch wenn ich aus Prinzip nicht mit Maschinen rede, musste auch Siri’s kleine Schwester getestet werden. Microsoft preist Cortana wortwörtlich als Praktikantin an: „Willig aber ahnungslos“. Obwohl ich ein Deutsch mit ausgeprägt rheinhessischer Färbung spreche, versteht Cortana, was man ihr sagen will, bei einer Praktikantin ist das nicht unbedingt vorauszusetzen. Problematischer ist da schon Bing als Background, der keineswegs immer das findet, was man sucht.

Beispielsweise findet Cortana auf die Frage „Wo ist die nächste Pizzeria“ eine Menge gute Treffer, die Frage „Wo ist die nächste Straußwirtschaft?“ versucht Bing mit Artikeln über landwirtschaftliche Straußenzucht zu beantworten.

Fräulein Cortana, bitte zum Diktat: Beim Schreiben einer Email fällt ein kleines Mikrofonsymbol auf. Und tatsächlich: Man kann Cortana etwas diktieren, was in Text umgewandelt wird. Ein erster Test verlief allerdings ziemlich enttäuschend, in einer simulierten Geschäftsmail war plötzlich von meiner Tochter die Rede. Da ist eine Bluetooth-Tastatur als Zubehör weit sinnvoller.

Mit Word funktioniert die Spracherkennung leider noch nicht, diese wünschenswerte Funktion soll mit Windows 10 kommen. Cortana selbst ist in einem relativ frühen Entwicklungsstadium, es könnte eine interessante Anwendung daraus werden, auch wenn man heute nur von einem witzigen Spielzeug sprechen kann.

Outlook

Wer gewohnt ist, mit Outlook zu arbeiten, kommt sofort zurecht. Natürlich fehlen eine Menge Funktionen, aber wer käme auch auf die Idee, auf einem Mobiltelefon mit Outlook Adressetiketten zu drucken? Um allerdings alle Emails aus der Vergangenheit verfügbar zu haben, muss man die Synchronisierungseinstellung ändern, die ansonsten nur Mails herunterlädt, die maximal einen Tag alt sind. Eine andere Default-Einstellung wäre an dieser Stelle wünschenswert.

Office

Oder: Die Grenzen der Integration

Word Dokumente können direkt von OneDrive geladen werden, allerdings ist die Formatierung mitunter ziemlich daneben bis unbrauchbar. Nähere Versuche deuten darauf hin, dass Word nicht mit Schriftarten zurechtkommt, die nicht im Standard-Lieferumfang von Office enthalten sind. Office Online ersetzt diese Schriftarten durch Courier New, das Windows Phone kommt sehr schlecht damit zurecht, indem es das gesamte Layout zerlegt.

Das genannte Problem tritt bei Excel-Dateien weniger auf. Das liegt einerseits daran, dass man bei Excel seltener exotische Fonts benutzt und andererseits daran, dass ein Layout-Problem immer nur die jeweilige Zelle betrifft.

Nach anfänglichen Problemen können auch PDF-Dokumente problemlos geöffnet werden. Zunächst hat das Windows-Phone versucht, die PDF-Dokumente mit Word zu öffnen, was nicht ging. Mein später gekauftes Gerät wollte zunächst den Adobe-Reader installieren und schon funktionierte es wie erwartet.

 

 

Wetter

Eine App für das Wetter ist ja eigentlich fast Standard, also musste auch dieses Spielzeug einmal getestet werden. Die Wetterübersicht klemmt sich als Lock-Screen vor alle anderen Elemente nach dem Erwecken aus dem Stromsparmodus sieht man also erst einmal die Wetterdaten mit einem dazu passenden Hintergrundbild. Und gerade diese sind oft so hinreißen schön, dass man die Wetter App bald nicht mehr missen will.

Spider Solitaire

Über das Spiel gibt es nicht viel zu sagen, jeder kennt es. Anzumerken bleibt lediglich, dass die Anzeige sofort abschmiert, wenn man das Handy auf Querformat dreht. Ob das nun am Spiel oder am Display-Treiber liegt, wer will das sagen? Nachtrag: Dieser Bug wurde inzwischen mit einem Update behoben.

Here Maps

Auch wenn ein meinem Auto ein Navigationssystem eingebaut ist, hat mich Here Maps ziemlich überzeugt. Schließlich ist man ja auch gelegentlich zu Fuß unterwegs. Das GPS ist recht präzise und leitet auch den Fußgänger zuverlässig an’s Ziel.

Offene Wünsche

Zugegeben: Ich freue mich auf Windows 10, denn da sollen einige Features dazukommen, die ich vermisse. Angefangen bei der Tastatur, mir fehlt das Komma, für das ich immer erst auf die Symboltastatur umschalten muss. Office soll vollständiger werden und auch näher an Outlook angelehnt werden.

Anmerkung: Die Komma-Taste lässt sich in den Einstellungen unter „Tastatur“ dauerhaft zuschalten. Das Komma wird dann wie gewohnt zwischen Leertaste und dem Punkt angezeigt. 

Fazit

Die Kollegen haben mir das Lumia 640 mit den Worten an’s Herz gelegt, dies sei nun endlich das Handy für mich Handyverächter und ich muss sagen: Sie hatten recht. Spielkinder und Teenies werden vielleicht nicht alles finden was ihr Herz höher schlagen lässt. Für mich ist es tatsächlich das ideale Mobiltelefon. Die Apps die ich brauche sind da, die Integration von Microsoft Office, insbesondere Outlook ist gut gelungen. Die Dual-Sim Funktion erlaubt es mir, mit meinem bewährten Provider zu telefonieren und gleichzeitig die Internetfunktionen mit einem Billiganbieter zu nutzen (und auch nur mit dem Billiganbieter – auch in der Not werden nicht die Internetangebote der primären Karte benutzt). Die Internetfreigabe ermöglicht es auch das Notebook elegant mit dem Internet zu verbinden.

 

Das war der Test meines Arbeitskollegen. Wie Ihr gelesen habt, war er so begeistert von dem Lumia 640, dass er sich gleich eins gekauft hat. Er hatte vorher nichts mit Windows Phone zu tun und war in Besitzt eines Samsung Galaxy S. Ich sage vielen Dank! Während des Test sagte mir mein Arbeitskollege das neben seiner Frau auch ein Freund von Ihm ein Lumia 640 haben will. Es hat sich also gelohnt ;)

Auch vielen Dank an Microsoft die mir bzw. meinem Kollegen das Lumia 640 zur Verfügung gestellt haben.

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